Nicole Gutschalk • 24.04.2018

„Neue Heimat - oder wie die Architektur die Integration von Flüchtlingen unterstützen kann“

Architekten und Städteplaner können einen grossen Beitrag leisten, wenn es um die Integration von Flüchtlingen geht. Dass Containersiedlungen, die am Stadtrand errichtet werden, nicht immer zu den besten Lösungen gehören, liegt auf der Hand. Welche architektonischen Bestrebungen gibt es, um Einwanderern das Ankommen in unserer Gesellschaft zu erleichtern? Eine Bestandsaufnahme.

Meist liegen sie verborgen in den Industriegebieten, versteckt hinter entlegenen Abfalldeponien oder an lärmigen Autobahnauffahrten: Flüchtlingsunterkünfte. Verdrängt an den Stadtrand, da wo sie keiner wahrnimmt und es keinen Ärger mit der Nachbarschaft gibt. Geflüchtete Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Somalia, Guinea und anderen Krisenherden, die in Wohncontainern ein neues Zuhause aus Stahl finden. Container, die eigentlich zur Aufbewahrung und zum Transport von Wirtschaftsgütern gedacht sind. Und nicht für den Aufenthalt von Menschen, denn sie sind bauklimatisch nicht unbedenklich: häufig bildet sich Kondenswasser, die Luftfeuchtigkeit ist oft hoch, Schimmel bildet sich gern – um nur einige der Schwierigkeiten zu nennen, die bei Containern auftreten.

Dass eine Mehrzahl von Flüchtlingen hierzulande in Containersiedlungen untergebracht wird, hängt damit zusammen, dass solche Siedlungen kostengünstig geplant und schnell realisiert werden können. Beim Bewohner und Betrachter allerdings entsteht ein Gefühl von Ortslosigkeit. Und Anonymität. «Diese stigmatisierende Sichtbarkeit von Flüchtlingsunterkünften erschwert das Ankommen von Einwanderern in unserer Gesellschaft zusätzlich», sagt Bence Komlósi, Architekt und Co-Founder des Vereins Architecture for Refugees SCHWEIZ. «Es braucht dringend mehr Diversität in Bezug auf die Unterbringung – sei es durch integrative Architektur für Flüchtlinge, welche genügend Platz für gemeinschaftliches Leben bereithält sowie durch die Wahl des Standorts in einer nachbarschaftlich eingebetteten Umgebung». Eigentlich logisch, denn wie soll Integration funktionieren, wenn es zu keinerlei Berührung mit «Einheimischen» kommt?

Synergien nutzen
Dass durchaus Synergien zwischen Nutzergruppen unterschiedlicher Art und Flüchtlingen entstehen können, zeigt mitunter das zürcherische Basislager an der Aargauerstrasse. Das Zentrum selbst liegt zwar ebenfalls an den Stadtrand gedrängt in peripherer Lage – zwischen Autobahnzubringer und Gleisfeldern – doch wurden an diesem Standort zumindest einige städtebauliche Qualitäten von Anfang an in die Planung miteinbezogen: Es wurden Grünflächen sowie eine soziale Infrastruktur eingeplant und Platz für lokales Gewerbe geschaffen. In der dreistöckigen Containersiedlung treffen mittlerweile rund 200 Leute aus dem Kunst- und Kulturbereich auf 120 Asylsuchende. Die Kunstschaffenden laufen an den Asylcontainern vorbei, wenn sie von ihren Ateliers zur Wirtschaft «Zum Transit» gelangen wollen. Sprich: Man begegnet sich. Zwar sieht man selten Flüchtlinge an den Tischen der Wirtschaft sitzen, aber immerhin konnten einige von ihnen nach erhaltener Aufenthaltsbewilligung im Betrieb eine Festanstellung finden.

© Martin Zeller

Mut tut gut
Dass man zuweilen auch unkonventionelle Wege in Sachen Asylunterbringung beschreitet – vor allem, wenn Politik, Bauherrschaft, Städteplaner und Architekten an einem Strang ziehen – beweist ein kürzlich fertiggestelltes Bauprojekt bei unseren deutschen Nachbarn inmitten eines beschaulichen und gut situierten Stadtviertels in München, «Wohnen am Dantebad». Wie man sich vorstellen kann, ging das geplante Bauvorhaben nicht ohne Proteste und Kritik von Seiten der Anwohner einher. Als allerdings klar wurde, dass die Parkplätze des zu bebauenden Areals – ein Heiligtum in deutschen Städten – nicht zugunsten des geplanten Baus weichen müssen, ebbte der Protest rasch ab. Denn das Besondere am Gebäude im Münchner Stadtviertel Gern ist, dass es aufgeständert wurde. Oder anders gesagt: Die Parkplätze wurden nicht zu- sondern überbaut. Für das Gebäude selbst musste kein Bauland zur Verfügung gestellt werden, wodurch enorme Kosten eingespart wurden. In dem viergeschossigen Bau, der vom ortsansässigen Architekten Florian Nagler umgesetzt wurde, konnten innerhalb von erstaunlichen sechs Monaten 100 Wohnungen geschaffen werden. Die Hälfte der Apartments ging an Flüchtlinge, 50 Prozent der Wohnungen an weibliche Mieter. Ausserdem wurden 14 Familienwohnungen integriert. Auch an Begegnungsräume haben Florian Nagler und sein Team gedacht. So liefern zahlreiche Gemeinschaftsräume, ein «Waschcafé» und eine für alle zugängliche Dachterrasse hoch über den Bäumen Münchens Platz für angeregten Austausch. Bezahlbarer und flexibler Wohnraum ist also tatsächlich möglich – selbst in Städten wie München, wo es sich um ein äusserst knappes und teures Gut handelt, vergleichbar etwa mit Schweizer Städten wie Zürich oder Genf.

© Florian Nagler Architekten / © Fotos Stefan Müller-Naumann

In die Zukunft schauen
Schaut man sich hierzulande nach ähnlich mutigen Projekten um, so bekommt man leider den Eindruck, dass man sich um die Frage nach dem WIE und WO in Sachen Asylunterkünfte nur zögerlich kümmern mag. «Obwohl das Recht auf eine menschenwürdige Unterkunft zu einem Grundrecht gehört, reicht der Bund den Kantonen und Gemeinden – die letztendlich für die Unterbringung von Geflüchteten verantwortlich sind – keinerlei verbindliche Vorgaben an die Hand», sagt Richard Zemp vom Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) der Hochschule Luzern. Die Flüchtlingsthematik scheint auf politischer Ebene also nach wie vor ein heisses Eisen zu sein, an dem man sich nur ungern die Finger verbrennt. Dem Stimmbürger selbst verkauft man deshalb lieber Lösungen pro rata. Sprich: Übergangslösungen für einen zeitlich beschränkten Rahmen an möglichst dezentraler Lage. Diesbezüglich auf die Spitze getrieben hat es etwa die Stadt Basel, die ihr Empfangszentrum für asylsuchende Ankömmlinge in nächster Nähe zum Gefängnis Bässlergut unweit der deutschen Grenze eingerichtet hat. Ein Akt mit Symbolkraft! Manch einer mag an dieser Stelle anmerken, dass Flüchtlinge ja ohnehin nur kurzfristig in Asylunterkünften untergebracht werden, und erachtet dies deshalb als zumutbar. Das entspricht aber leider nur bedingt der Wahrheit. Denn in Wirklichkeit bleiben viele Asylsuchende länger als geplant in solch temporären Zentren. Manche haben in der Zwischenzeit gar schon Kinder geboren.

Permanent statt Temporär
«Es wäre eine Chance, sich anhand der Flüchtlingsunterbringung grundsätzlich mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum in Städten auseinanderzusetzen,» sagt Bence Komlósi von Architecture for Refugees SCHWEIZ. «Denn schliesslich handelt es sich dabei um eine zentrale Schwachstelle in hiesigen Städten.» Beim Blick auf die Statistiken der vergangenen Jahrzehnte wird wahrlich schnell deutlich,, wie stark unsere Gesellschaft einem Wandel unterzogen ist: In den meisten grossen Schweizer Städten stellen mittlerweile Einpersonenhaushalte die grösste Gruppe dar. Zudem bilden Patchwork-Familien und ein stetig wachsender Anteil an Seniorinnen und Senioren einen ebenfalls grossen Teil des alltäglichen Lebens in unseren Städten ab. Letztendlich also alles Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft, die auf bezahlbaren Wohnraum genauso angewiesen sind wie Flüchtlinge mit anerkanntem Status. Und zwar längerfristig. «Es ist nötig, dass sich Städteplaner gemeinsam mit den verantwortlichen Politikern weitsichtig um die Quartierentwicklung in den Städten kümmern,» sagt Richard Zemp vom CCTP der Hochschule Luzern. «Sich also fragen, in welchen städtischen Zonen künftig mit einer positiven Entwicklung zu rechnen ist und dort integrative Wohnprojekte für Flüchtlinge entstehen lassen.»

Durchmischung statt Ausgrenzung
Zu einem Leuchtturmprojekt für weitsichtige Städteentwicklung könnte die geplante Überbauung des Geerenweg-Areals im zürcherischen Altstetten werden. So zumindest die Hoffnung. «Zahlreiche junge Menschen sowie Familien haben in den vergangenen Jahren im Kreis 9 ein Zuhause gefunden – nicht zuletzt auch wegen der noch zahlbaren Mieten», sagt Steff Fischer vom unabhängigen Immobilienunternehmen Fischer, der für die Projektentwicklung des Geerenweg-Areals als externer Berater tätig ist. «Ein mögliches Indiz dafür, dass sich dieser Teil der Stadt künftig zu einem Trendgebiet entwickeln könnte.» Auf dem Areal, dessen Betreiber die Asylorganisation Zürich (AOZ) sowie die Stiftung «Einfach Wohnen» sind, entsteht einerseits Wohnraum für 200 Flüchtlinge sowie für 70 junge Menschen in Ausbildung. Zusätzlich sind Temporärbauten geplant – die schrittweise geschaffen werden – und es werden günstige Räume für Kleingewerbe, Jungunternehmer und Kulturschaffende zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen ein Spielplatz, Zonen für die Freizeitgestaltung und Urban Gardening. «Ein Ort also mit dorfähnlichem Charakter, der Begegnung und Austausch möglich machen soll», sagt Steff Fischer.

Integration ist gegenseitig
Dörflich klingt auf alle Fälle gut. Zumindest nach einem menschenwürdigen Umfeld.

«Wenn wir uns künftig als Architekten und Städteplaner Gedanken zum Thema Integration machen, sollten wir den Fokus vielmehr auf die Schaffung kleinerer, verteilter Standorte legen, um eine sozial gemischte Entwicklung zu fördern.»

sagt Richard Zemp vom CCTP der Hochschule Luzern. «Also Wegkommen von sogenannten «Gated Communities» in peripherer Lage hin zu einem Zusammenleben in Wohnquartieren.» Denn eines ist gewiss: Nur Begegnung schafft Integration – und diese ist im Übrigen als gegenseitiger Prozess anzusehen.

Photographie: Martin Zeller, Florian Nagler Architekten