Das fliessende Zuhause

Das fliessende Zuhause

Nicht nur die Grundsätze des «Democratic Design» sind ein wichtiges Element im der Produkteentwicklung von IKEA. Die Wohngewohnheiten der Menschen ändern sich, und um diesen Veränderungen zuvorzukommen, muss IKEA auch künftige Bedürfnisse erkennen im vorwegnehmen.    

Jeder Musiker kann es dir bestätigen: Wenn du dir deine Fans erhalten möchtest, musst du deine Hits spielen. Aber gleichzeitig solltest du dich auch hüten, in Nostalgie zu schwelgen. Die Zeiten ändern sich ständig, und du kannst dich nicht einfach an die Vergangenheit klammern. Wenn dein Publikum dir treu bleiben soll, ist es entscheidend, das Gleichgewicht zwischen Fortschritt und Bestätigung zu halten. Wenn du dir einmal das gesamte Produktsortiment von IKEA anschaust, siehst du, wie sich genau diese Logik vor deinen Augen abspielt. Einerseits gibt es die bekannten, zeitlosen und fundamentalen Klassiker, wie zum Beispiel das KLIPPAN Sofa, die HEMNES Serie, das EKTORP Sofa, das BILLY Büchergestell und den POÄNG Sessel. Und am anderen Ende des Spektrums stehen die zeitlich begrenzten Limited Editions von Designern wie Kit Neale, Walter Van Beirendonck, Katie Eary – angesagte Soforthits, die im Handumdrehen kommen und wieder gehen.

Das Kernsortiment, intern bekannt als die «New IKEA Basics», macht etwa 50 % des gesamten Produktsortiments aus. Es besteht aus Basics, die in fast jedem Zuhause einsetzbar sind und auf Funktionalität und Erschwinglichkeit angelegt sind. Dazu gehören Küchenutensilien, Beleuchtung, Möbel und Aufbewahrungslösungen – Alltagsprodukte, die die meisten von uns mit IKEA in Verbindung bringen. Einige der jetzigen IKEA Basics werden schon seit 20 Jahren oder länger hergestellt. Aber die Bedürfnisse der Menschen verändern sich, sodass das Sortiment aktualisiert werden muss, um mit diesen Veränderungen Schritt zu halten. Globale Trends, wie Urbanisierung und kompaktes Wohnen, müssen bei der Produktentwicklung mit berücksichtigt werden. Und da die Entwicklung eines Produkts meist zwei bis drei Jahre dauert, bedeutet dies, dass wir schon in dieser Phase ziemlich weit in die Zukunft blicken müssen. Dieser Prozess umfasst weit mehr als nur Berichte über Trends zu studieren – vielmehr geht es um ernsthafte wissenschaftliche Forschung, die zum Teil auch auf ausführlichen Gesprächen mit Menschen aus verschiedenen Ländern und Besuchen bei ihnen zu Hause basiert. Für ein Unternehmen wie IKEA sind das Halten eines Vorsprungs vor der Konkurrenz und das Voraussehen künftiger Bedürfnisse Kernelemente der Produktentwicklung. Welche Bedürfnisse sollen wir denn in naher Zukunft erfüllen können? Wie werden wir in zehn Jahren leben und wohnen? Und wie kreiere ich einen künftigen Klassiker? «Der Haupttreiber der heutigen gesellschaftlichen Veränderungen ist die Urbanisierung», erklärt Viveca Olsson, Creative Leader. «Heute leben weltweit fünf Milliarden Menschen in Städten. In 30 Jahren wird diese Zahl auf sieben Milliarden ansteigen, sagen die Prognosen. Um die Bedürfnisse dieser Menschen zu erfüllen, haben wir verschiedene Megatrends identifiziert, die das häusliche Leben in Zukunft beeinflussen werden. Indem wir uns auf diese konzentrieren, können wir im Leben der Menschen sehr viel bewegen und verbessern.» Einer der wichtigsten dieser Trends ist die Fluidität. Da die Menschen immer enger aufeinanderwohnen werden, muss ein Raum viele unterschiedliche Zwecke erfüllen können, von Zusammensein über Arbeit, Spielen, Gäste bewirten bis hin zu Essen und Schlafen. Vielleicht studieren, arbeiten und essen wir an ein und demselben Tisch und sitzen dabei immer auf demselben Stuhl.

Diese Entwicklung basiert weitgehend auch auf den Möglichkeiten der neuen Technologien. Mit Smartphones, Tablets, Laptops und weiteren persönlichen Geräten können wir in ein und demselben Raum sitzen und beisammen sein und trotzdem unseren eigenen Aktivitäten nachgehen. Technologie macht es möglich, in einem digitalen Raum «beisammen zu sein», auch wenn wir in Wirklichkeit voneinander getrennt sind. All dies verlangt nach wandlungsfähigeren Möbeln, meint Viveca. «Unser Ziel war und ist es, den Alltag in belebten Städten  einfacher zu gestalten, indem wir gute Alltagsprodukte herstellen, die universal, flexibel und platzsparend sind und unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen können. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Hocker, der hauptsächlich zum Sitzen benutzt wird, aber auch als Nachttisch oder Leiter eingesetzt werden kann. Es geht also um Produkte, die viele Bedürfnisse erfüllen.» Die meisten Menschen auf dieser Welt leben in kleinen Wohnungen. Deshalb konzentrieren wir uns auf fünf unterschiedliche Wohnsituationen. Diese sind: Mikro-Wohnen, mit oder ohne Kinder, Stadtnomaden (Menschen ohne ständige Wohnadresse), erweitertes Wohnen mit gemeinsam genutzten Aussenbereichen, und bewusste «Downsizers» – Menschen, die freiwillig Wohnraum aufgeben, entweder um Geld für etwas anderes, z. B. Reisen, zu sparen oder um es sich leisten zu können, in einer attraktiveren Nachbarschaft zu wohnen. In Grossstädten weltweit nutzen Menschen auch den städtischen Raum vermehrt als Erweiterung ihres Zuhauses, arbeiten in öffentlichen Räumen wie Cafés und treffen sich mit Freunden eher in Restaurants, als zu Hause zu kochen. Wir beobachten diesen Trend sowohl bei Berufsleuten als auch bei Studierenden. Dennoch, Essen und Kochen gehören auf der ganzen Welt zum Alltag. Da sich aber der Lebensstil der Menschen ändert, müssen wir auch die alltäglichsten Möbelstücke und Küchenobjekte hinterfragen und neu überdenken. Nehmen wir zum Beispiel einen gewöhnlichen flachen Teller, etwas Selbstverständliches auf jedem Esstisch auf dieser Welt. Studien haben aber gezeigt, dass die heutigen Essgewohnheiten nach einer besseren Lösung verlangen. «Heute sitzen viele Menschen nicht mehr gemeinsam um einen Esstisch herum. Wir bewegen uns, machen beim Essen auch noch etwas anderes, zum Beispiel fernsehen oder auf dem Sofa im Internet surfen. Da erfüllt ein flacher Teller seinen Zweck nicht mehr. Schüsseln oder tiefe Teller sind funktionaler und leichter herumzutragen, ohne dass etwas verschüttet wird. Darum ist der traditionelle flache Teller der IKEA 365+ Serie mit einer erhöhten Kante versehen, wodurch er leichter herumgetragen werden kann. Schüsseln, wie Hocker auch, erfüllen verschiedene Zwecke: Du kannst sie beim Zubereiten oder fürs Aufbewahren, für Joghurt und Müsli, Suppen, Reisgerichte, heisse Getränke, Desserts und vieles mehr verwenden. Füge einen Deckel hinzu, und schon kannst du sie fürs Aufbewahren von Essen im Kühlschrank einsetzen.»

Zur täglichen Arbeit von Viveca gehört es, diese Strategie auf das gesamte Produktsortiment anzuwenden. Dabei coacht sie über 50 Teams aus Produktentwicklern/-entwicklerinnen, Technikern/Technikerinnen, Designern/Designerinnen und weiteren Berufsleuten in einem schrittweisen Prozess durch alle IKEA Abteilungen hindurch. Dieser Prozess, der über die nächsten Jahre stattfinden wird, umfasst Produktkategorien wie Sofas, Beleuchtung, Aufbewahrung, Gartenmöbel, Textilien, Betten und vieles mehr. Einige Produkte, wie z. B. die der neuen IKEA 365+ Serie und der VARDAGEN Kochgeschirrserie, haben diesen Prozess schon durchlaufen. Dazu gehört auch eine vielseitige und schon sehr beliebte Glaskaraffe mit Korkstöpsel. Andere Produkte, wie das HAVSTA Aufbewahrungssystem, das für das fliessende Zuhause konzipiert ist, werden über die nächsten Jahre schrittweise Eingeführt.

«Üblicherweise erhalten wir Designer eine fertige Vorgabe», sagt Designer Nike Karlsson. «Dieses Mal wurden wir ganz von Anfang an miteinbezogen. In dieser Zusammenarbeit schufen wir gemeinsam die Vorgabe, stellten dabei aber auch immer wieder alles infrage: Was ist das, ein guter Kochtopf? Wie würde die ideale Tasse aussehen? Die heutige IKEA 365+ Geschirrserie, die in den 90er-Jahren geschaffen wurde, ist sehr funktional. Ein einzelnes Stück, ein Glas oder ein Teller zum Beispiel, kann sowohl im Alltag als auch für eine festliche Party benutzt werden. Aber als die Serie weiter wuchs, ging die Kohärenz verloren. Die verschiedenen Teile standen irgendwie nicht mehr miteinander in Verbindung. Also mussten wir nochmals von Grund auf neu beginnen.» Indem IKEA das gesamte Produktsortiment überwacht, wird dies einen Einfluss darauf haben, wie viele Menschen auf der ganzen Welt über viele Jahre hinweg ihren Alltag leben. Es ist eine riesige Aufgabe, und es ist eine sehr grosse Verantwortung. Wir können es uns nicht leisten, es falsch zu machen. «Für mich ist Design ein Mittel, um ein Problem zu lösen», sagt Nike Karlsson, «und nicht eine Form der Selbstdarstellung. Das ist es, was uns von bildenden Künstlern/Künstlerinnen unterscheidet. Irgendwie werde ich immer ziemlich verlegen, wenn ich eines meiner Designs bei jemandem zu Hause entdecke.»

Wie bei so vielen anderen IKEA Projekten gibt es auch hier einen Leitstern: die fünf Grundsätze des Demokratischen Designs – Form, Funktion, Qualität, Nachhaltigkeit und tiefer Preis. «Die Grundsätze des Demokratischen Designs waren und bleiben ein wichtiges Element im gesamten Prozess», sagt Viveca. «Die fünf Grundsätzen leiten uns vom Anfang bis zum Ende und sichern die richtige Qualität für jedes Produkt.» Nike Karlsson führt weiter aus: «Alle fünf Grundsätze des Demokratischen Designs sind für dieses Projekt extrem wichtig. Diese Produkte werden so konzipiert, dass sie für eine lange Zeit im IKEA Produktsortiment bleiben, und deshalb müssen sie für den dauerhaften Einsatz gemacht sein. Sie müssen qualitativ hochwertig, funktional und nachhaltig sein. Ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen und gut aussehen.» Heisst das, dass sie künftige Klassiker werden? Werden einige dieser Stücke zu den «Greatest Hits» von IKEA gehören, zusammen mit ihren Kollegen BILLY und KLIPPAN? «Das kann man nie wissen», meint Nike Karlsson mit einem Schulterzucken. «Ein Klassiker erweist sich immer erst in der Retrospektive als solcher.»

Erfahre mehr zu den 5 Grundsätzen des «Democratic Design» und lies das aufklärende Interview mit Marcus Engman, Leiter Design bei IKEA.

Tags: DDD Democratic Design Democratic Design Days Design design trends Fluid Home

Inter IKEA Systems B.V. 2018