«Zuhause sein heisst für mich, bei mir zu sein»

«Zuhause sein heisst für mich, bei mir zu sein»

Die Industriedesignerin matali crasset sieht Design mehr als Werkzeug, um den gesellschaftlichen Herausforderung zu begegnen denn als ästhetische Wertschöpfung. Sie arbeitet aus der Haltung heraus, dass Design eine Suche nach Zukunftsszenarien und neuen Typologien für das Wohnen ist. Weshalb sie sich mehr für die Gestaltung des Zusammenlebens als für die Form an sich interessiert, erzählt sie uns im Interview, das wir im Vorfeld des Democratic Design Days mit ihr führten.

Life at Home: Am 22. September 2017 findet in Lausanne der Tag des Demokratischen Designs statt. Was werden unsere Gäste in Ihrer Präsentation entdecken können?
matali crasset: Meine Arbeit dreht sich um das, was ich Inszenierungen des Lebens nenne. Diese werden in den Objekten unseres Alltags widergespiegelt. Wenn Arbeit globaler sein könnte, würde ich gerne eine neue Logik einführen. In der Folge werde ich ein Küchenkonzept und einen völlig neuen, für diese Tagung skizzierten Entwurf rund ums Badezimmer vorstellen.

Meine Arbeit als Designerin beruht seit über zehn Jahren auf der Konfrontation mit dem sozialen Bereich. Pragmatismus ist für mich wichtig. Diese Philosophie rückt die Erfahrung und das Geschehen in den Vordergrund, ist aber auch eine Philosophie der Erfindung und Kreativität. Designer in ihrer Funktion als Analysten von Gebrauch und Bedürfnis stehen am Schnittpunkt mehrerer Disziplinen. Sie entwickeln ein globales Konzept auf der Basis eines persönlichen und sensiblen Ansatzes und sind in diesem Sinne privilegierte Ansprechpartner für die Entwicklung von Strukturen. Überdimensionierte Projekte zu entwickeln, ist aber nicht erforderlich; denn es sind die Zwischenräume, in denen sich die Designer wohl fühlen und wo sie aktiv werden. Durch Experimentieren im Kleinen an geeigneten Orten und durch Ausbrechen aus vordefinierten Rollen bündeln sie die Energien und erschaffen neue, sich ständig weiterentwickelnde Beziehungsnetze. In diesem Sinne möchte ich das Vorgehen eines Designers als pragmatisch bezeichnen: Die Erfahrung und Handlung spielen dabei eine massgebliche Rolle. Und in dem Masse, wie das Experimentieren den Experimentierenden verändert, wandelt sich auch seine Wahrnehmung der Welt. Dadurch ist er fähig, auf das Reale feiner einzuwirken, ohne dabei eine vorher festgelegte und erstarrte Doktrin fallenzulassen. Ich bemühe mich also, anders zu agieren und anders zu denken.

Die pluralistische Vision des Pragmatismus steht im Widerspruch zu Wahrnehmungen, bei denen das Reale unabhängig von den Umschreibungen bleibt, die wir ihm verleihen. Es gibt also keine einzig wahre Umschreibung des Realen: Der Pluralismus sieht eine offene Rationalität vor. Deshalb möchte ich hier die Vielfalt der Umsetzungen eines einzigen Themas aufzeigen: Räume für Kinder, sowohl aus Sicht der Architektur als auch aus Sicht bestimmter, schon entwickelter pädagogischer Objekte.

Ein Individuum ist kein von anderen getrenntes Atom: Es formt sich aus dem sozialen Umfeld und leistet durch seine Gegenleistung einen Beitrag an die eigentliche Individualität sowie an die Verwandlung des Umfelds. Es geht also darum, eine neue Logik zu erfinden, um gemeinsam kollektive Probleme lösen zu können.

Auf die Frage nach der Art, wie wir in Zukunft wohnen werden, antworten Sie mit «pragmatischen Lösungen» im Bereich des Designs. Was müssen wir konkret darunter verstehen?
In meiner Beziehung zu Objekten habe ich immer mit dem Begriff der erweiterten Funktion gearbeitet. Ich habe dieses Gefühl, dass eine Funktion pro Objekt nicht ausreichend grosszügig ist. Multifunktionalität stellt meiner Ansicht nach aber auch keine Lösung dar. Auf die so oft wiederholte Anweisung hin, Objekte zu produzieren, die «einen Sinn ergeben», arbeite ich lieber daran, die Funktion neu zu erfinden. Anstatt also um jeden Preis eine Funktion durch eine Form symbolisieren und die Gesetze eines jeden Bereichs respektieren zu wollen (ein Radio beispielsweise lässt immer an Töne denken und wird darum nicht als Toaster dargestellt, der ja mit Wärme in Verbindung gebracht wird), versuche ich, in der Vorstellung die Kraft der Verwendungszwecke wiederzufinden. Seit meiner Diplomierung habe ich drei Objekte gezeichnet, die ich Schallverteiler nannte, um die Betonung darauf zu legen, was sie hergeben, und nicht darauf, was sie sind. Diese «häusliche Trilogie» bestand darin, die Funktion eines Objekts zu vervollständigen, indem ich ihm drei Dimensionen verleihe: eine funktionelle, eine poetische und eine imaginäre.

The common stove: Ein Schwedenofen inmitten eines Waldes; eine dauerhafte Installation, die sie im Rahmen der Biennale BIO 25 in Ljubljana realisiert hat.

Dieses Projekt war der Ausgangspunkt. Es machte mir bewusst, dass das Know-how eines Designers grösstenteils auf dieser Dosierung beruht. Die Arbeit besteht also darin, die Zutaten, aus denen ein Objekt besteht, so zu zähmen, dass sie einer Absicht folgen, aufgrund derer ein Objekt überhaupt besteht. Diese Komplexität des Schaffungsprozesses macht die Arbeit so faszinierend. Und sie erfordert eine grosse intellektuelle Strenge. In der Auseinandersetzung mit «Wohnobjekten» konkretisiert sich die erweiterte Funktion auf völlig natürliche Weise in den Lebensinszenierungen selbst. So kann ich Entwürfe ausserhalb der bestehenden Gesetze machen, aber auch die Bedeutung des Teilens oder der Gastfreundschaft betonen und bestärken, die ja die Grundlage meiner Arbeit bilden. Zudem betrachte ich ein Möbel nicht für sich allein und losgelöst, sondern in seiner Beziehung zu den anderen Einrichtungen und Möbeln, die das Haus strukturieren. Dies lädt mich ganz natürlich dazu ein, Begriffe wie Modularität, Fluidität, Veränderungen, nicht permanente Arrangements zu entwickeln, die es erlauben, den Raum besser zu definieren, indem die Aktivitäten Seite an Seite gelebt werden können, statt sich anzuhäufen oder sich zu überlagern. Dies bezeichne ich als Lebensinszenierungen.

Wegen Ihrer Arbeit sind Sie regelmässig mit Ihrem Zuhause in einem Koffer kreuz und quer unterwegs. Fühlt man sich wohl deshalb in Ihrem ganz persönlichen Fall bei Ihnen so «wie zu Hause»?
Bei sich zu Hause zu sein, bedeutet vor allem, mit «meinen Angehörigen» zusammen zu sein. Die Idee des irgendwo da draussen Zuhause-zu-seins interessiert mich nicht. Ich verstehe diese Hotels nicht, die das häusliche Leben kopieren wollen. Warum sollte man woanders bei sich zu Hause sein wollen? Das Leben ist vor allem eine Erfahrung und ein Zusammentreffen mit dem Anderen, mit dem Interessanten. Es geht darum, dieses auf verschiedene Weise voll zu leben. Dies habe ich mit Patrick El Ouarghi und Philippe Chapelet entwickelt, als wir gemeinsam an Hotels arbeiteten (Hi Hotel, Hi Matic, Dar Hi).

Vor dem Hi Hotel hatte ich viel experimentiert und kurzlebige Räume geschaffen. Dank Patrick und Philippe konnte ich experimentelle Räume entwerfen, die zeigen, dass das Leben in einem Hotel viel umfassender ist, wenn man mit den Normen der standardisierten Hotellerie bricht. Ein Hotel ist ein Ort, an dem Normierung besonders ausgeprägt ist, mit einer internationalen Norm, die überall vorgeschrieben wird. Das Hi Hotel nahm dazu Stellung und sagte: Kommen Sie und machen Sie eine Erfahrung. Dank Gemeinschaftsräumen, die das Zusammentreffen begünstigen, ist es ein Ort der persönlichen Erfahrung, aber auch der Interaktion mit den anderen. Man verbringt eine gute Zeit, wenn man sie mit anderen Leuten aus verschiedenen Welten verbringt. Wir bereichern uns so gegenseitig. Das Hi Hotel lebt von dieser Diversität. Es ist wie ein lebender Organismus, der sich aufgrund seiner Bewohner verändert und sich an ihnen bereichert, um sich weiterzuentwickeln.

Als Designerin betrachten Sie Ihre Arbeit als eine Erforschung unseres Alltags, unserer Objekte, als eine Möglichkeit, die Gesellschaft und ihre Formen des Lebens in Frage zu stellen. Worin besteht für Sie die Kraft des Designs?
Es geht immer weniger um das Formen der Materie – der Ästhetik -, sondern vielmehr darum, etwas ans Licht zu bringen, zusammenzubringen, zu organisieren. Dies erfolgt rund um gemeinsame Absichten und Werte. Dabei geht es um Verbindungen und Netzwerke an Kompetenz, Gemeinsamkeiten und Sozialität. Die Mehrheit der Projekte, an denen ich zurzeit arbeite, drehen sich um diese Dimension der kollektiven und kollaborativen Arbeit. Ich denke dabei an das kürzlich lancierte Projekt der «Maison des Petits au 104» in Paris, an die Waldhäuser für den «Vent des Forêts» in Fresnes-au-Mont im Département Meuse, an die Schule «Le blé en herbe» im bretonischen Trébédan gemeinsam mit der «Fondation de France» und an die Plattform des Zentrums für Kunst «Cuisine à la Dar Hi» im tunesischen Nefta. Es gibt also eine lokale Dimension, die mich sehr interessiert. Man sieht gut, dass das Zeitgenössische nicht mehr das exklusive Vorrecht der urbanen Welt ist.

Die Haselnuss: ein kleines Waldhaus als Rückzugsort.

Natürlich entwerfe ich auch Objekte, aber diese sind weder das Zentrum noch das endgültige Ziel im Schaffensprozess. Sie sind eine mögliche Angleichung unter vielen (Architektur, Inszenierung, Ausstellung usw.) zu einem bestimmten Zeitpunkt, eine Angleichung eines weiter gefassten gedanklichen Systems.

Am Tag des Demokratischen Designs stehen auch viele Vorträge von Absolventen des Design-Studiums auf dem Programm. Was würden Sie diesen Personen für ihre berufliche Laufbahn (eine Einladung dazu, sich als Designer für etwas zu engagieren), wünschen?
Ich habe kein Motto für sie. Jeder Designer müsste Stellung beziehen und statt einer Ästhetik ein Vorgehen definieren. Für mich ist Design nicht in der Form begründet. Diese ist oft ausschliessend und stellt nur einen der Messwerte der sozialen Reproduktion dar. Design ist vielmehr ein politischer Akt, eine urbane Handlung. Darin liegt für mich der Sinn des Designs. Und hier stellen sich die spannenden Herausforderungen. Aber es ist Sache jedes Einzelnen, sein eigenes Engagement zu definieren und zu bewerten. Die Diversität des Designs, der vielen Formen des Designs, macht auch seinen Reichtum aus…

Die portable und via USB-Kabel aufladbare Leuchte von matali crasset für die IKEA PS Kollektion 2017.

Die portable und via USB-Kabel aufladbare Leuchte von matali crasset für die IKEA PS Kollektion 2017.

Tags: Democratic design Day Lausanne ECAL Matali Crasset

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