Die Geschichte hinter dem Demokratischen Design

Die Geschichte hinter dem Demokratischen Design

Ein Interview mit Marcus Engman, dem Leiter Design bei IKEA.

Was meinst du mit dem Begriff «Demokratisches Design»?
«Demokratisches Design ist mehr als nur ein Schlagwort, es beeinflusst jeden Schritt im Design-Prozess. Demokratisches Design ist das Rückgrat von IKEA, unser Herz und unsere Seele. Es ist unser Werkzeug, mit dem wir unsere Vision erreichen, nämlich für die vielen Menschen ein besseres Alltagsleben zu schaffen. Kurz gesagt, das Demokratische Design von IKEA besteht aus fünf Grundsätzen, die uns bei der Entwicklung helfen und uns in der Evaluierung, ob ein Produkt auch unserer Vision entspricht, unterstützen. Es ist unsere Art, wie wir das Unmögliche möglich machen: Gutes Design für viele Menschen zugänglich und erschwinglich machen.»

Wie lauten diese fünf Grundsätze und was bedeuten sie?
«Es sind Form, Funktion, Qualität, Nachhaltigkeit und tiefer Preis. Wir wollen, dass die Form das Alltagsleben ein bisschen fröhlicher und schöner macht. Funktion bedeutet, dass das Produkt alle Bedürfnisse des Alltagslebens erfüllt. Qualität bedeutet, dass unsere Produkte eine lange Lebensdauer haben. Und ein tiefer Preis macht das Produkt für die vielen Menschen zugänglich. Und zuletzt geht es bei der Nachhaltigkeit um viel mehr als nur um die richtige Wahl des Materials oder darum, wie etwas hergestellt wird. Wir wollen langfristig Verantwortung übernehmen, und zwar von A bis Z, also wo und wie wir das Material beziehen, bis hin zu den Menschen, die das Produkt herstellen und schliesslich wie das Produkt zum Kunden oder zur Kundin gelangt. Wir wollen den Menschen helfen, eine nachhaltige Wahl treffen zu können, die unsere Zukunft positiv beeinflusst. Unser Ziel ist es, mit minimalen Kosten einen maximalen Wert zu schaffen. Und das bedeutet viel harte Arbeit. Wir erreichen tiefe Preise durch innovatives Material, cleveres Engineering, kluges Design, smarte Verpackung und geschickten Vertrieb. Viele Unternehmen konkurrieren nur über tiefe Preise. Wir wollen tiefe Preise erzielen, hinter denen mehr steht.»

Aussenansicht der IKEA of Sweden

Ist einer der fünf Grundsätze wichtiger als die anderen?
«Nein, die Idee ist ja, mit einem Produkt alle fünf Grundsätze zu erfüllen. Wir können sie nicht voneinander trennen, wenn wir etwas Sinnvolles zum Alltag der Menschen beitragen wollen. Du kannst nicht Abstriche bei der Qualität machen, um den Preis zu senken. Und gerade diese unmögliche Gleichung ist es, die uns inspiriert und herausfordert. Und sie ist auch der Grund, warum es manchmal bis zu drei Jahre dauert, bis ein Produkt fertig entwickelt ist. Wenn es nicht alle fünf Grundsätze erfüllt, geht es nicht in Produktion.»

Aber ist es möglich, einen wirklich tiefen Preis zu erzielen für ein Produkt, das all die anderen Anforderungen erfüllt?
«Ja, das ist möglich. Es bedeutet einfach, dass wir auf unserer Seite sehr innovativ sein müssen. Wir müssen jeden Stein umdrehen, um neue Wege in der Produktentwicklung zu finden. Wir müssen neue Methoden ausprobieren, neue Materialien. Wir müssen neu denken. Und wir müssen dies gemeinsam mit unseren Lieferanten, aber auch mit unseren Kunden und Kundinnen tun. Wir müssen auf die Bedürfnisse der Kunden und Kundinnen hören und gleichzeitig die Möglichkeiten unserer Lieferanten erforschen, wenn es darum geht, neue Techniken zu erfinden und neue Lösungen zu finden. Und nur wenn wir zusammenarbeiten, können wir auch bessere Produkte herstellen. Dazu möchte ich aber auch erwähnen, dass fast keines unserer Produktentwicklungsprojekte linear verläuft. Während dieses Prozesses machen wir viele Fehler.»

Mit Grundsätzen beschriftete IKEA Tassen

Wie geht ihr mit Fehlern um?
«Wir betrachten sie als Chancen, um uns weiterzuentwickeln. Es ist voll okay, Fehler zu machen. Der Trick dabei ist es, von ihnen zu lernen. Okay, also dieses Material hat nicht funktioniert, dann versuchen wir es mal mit einem ganz anderen. Innovation kommt nicht davon, dass man Dinge richtig macht. Erst wenn wir etwas falsch machen, finden wir neue Wege. Sogar seltsame Wege. Das ist einer der grossartigen Faktoren in diesem Prozess, nämlich dass wir ein unabhängiges Unternehmen sind. Unsere Engagements können extrem langfristig sein. Wir sind ein bisschen wie Pippi Langstrumpf, aber als Unternehmen. Keine Eltern sagen uns, was wir zu tun haben, wann wir schlafen gehen müssen oder wie wir uns benehmen sollen. Wenn wir glauben, dass etwas den Alltag verbessert, dann machen wir damit weiter und setzen es um. Wir können in Innovationen investieren, die heute verrückt scheinen, die uns aber dabei helfen können, in Zukunft etwas Neues und Besseres zu schaffen. Also, wie gehen wir mit Fehlern um? Wir betrachten sie als ein Mittel zum Lernen.»

Wie funktioniert das Demokratische Design im Arbeitsalltag bei IKEA?
«Es geht vor allem darum, im gesamten Prozess, von der ursprünglichen Idee bis zur echten Produktion, bis zur Präsentation im Einrichtungshaus und bis hin zum Kunden oder zur Kundin, im Dialog zu stehen. Um eine Idee, eine Vision umzusetzen, musst du ganz schön engagiert, ja fast schon besessen sein. Es ist eine riesige Herausforderung, die fünf Grundsätze des Demokratischen Designs von IKEA – Form, Funktion, Qualität, Nachhaltigkeit und tiefer Preis – zu erfüllen. Aber es ist auch sehr lohnend und befriedigend, wenn wir es schaffen. In diesem Prozess musst du sowohl systematisch als auch chaotisch vorgehen. Und du musst die ganze Zeit über viele, viele Fragen stellen. Braucht die Menschheit wirklich ein weiteres gemütliches Sofa? Wie können wir mit möglichst wenig Ressourcen auskommen? Wie können wir Materialien noch effizienter nutzen? Können wir die Lebensdauer eines Produktes verlängern, es vielleicht nochmals verwenden, indem wir es etwas verändern? Eine der wohl spannendsten Weisen, wie Fragen beantwortet werden können, ist es, innovativ zu sein, anders zu denken, ganz von Anfang an.»

Hast du schon immer so gearbeitet?
«Mehr oder weniger. Es gibt eine lange Tradition, die sich über eine lange Zeit entwickelt und aufgebaut hat. Form, Funktion und tiefer Preis waren schon Grundsätze, als IKEA gegründet wurde. Ressourcen so klug wie möglich zu nutzen, ist Teil unserer DNA. In den 60er-Jahren sprachen wir über Nachhaltigkeit noch nicht so, wie wir dies heute tun, aber die Idee des Demokratischen Designs stand schon immer am Anfang jeder Entwicklung: Warum ist gutes Design nur für wenige Menschen zugänglich und erschwinglich?»

Design Möbel am Democratic Design Day

Erfüllen alle IKEA Produkte die fünf Grundsätze des Demokratischen Designs?
«Nun ja, nicht alle. Einige Lösungen, mit denen wir vor ein paar Jahren noch glücklich waren, sind heutzutage nicht mehr so toll. Wir gehen jedes Jahr das ganze Produktangebot durch und ändern oder entfernen die Produkte, die die fünf Grundsätze des Demokratischen Designs nicht erfüllen. Wir entwickeln uns ständig. Wir haben 70 Jahre gebraucht, um jetzt da zu sein, wo wir heute sind. Und wir sind noch längst nicht damit fertig.»

Wie sieht die Zukunft für das Demokratische Design aus? Was ist die grösste Herausforderung?
«Wir wollen den Blick auf das grosse Ganze richten, nicht nur darauf, wie Produkte hergestellt werden. Was ist das, ein Zuhause? Wie willst du es einrichten? Können wir auch Architektur schaffen? Wir haben die Grundsätze des Demokratischen Designs auch aufs Essen angewandt – und das hat gut funktioniert. Das Demokratische Design müsste also auch auf viele weitere Gebiete anwendbar sein. Unsere Herausforderung für die Zukunft liegt nicht darin, mehr Produkte an die gleichen Menschen zu verkaufen. Es geht darum, für alle einen besseren Alltag zu schaffen, nicht nur in der westlichen Welt. Wir wissen, dass die Bedürfnisse unsere kleinen Beiträge weit übersteigen. Um all diese Menschen zu erreichen, müssen wir vielleicht ein vollkommen neues Geschäftsmodell ausprobieren. Vielleicht ist der Besitz von Dingen nicht der beste und nachhaltigste Weg, um unser Leben und unser Zuhause zu organisieren. Stell dir vor, wie es wäre, wenn die Idee des Demokratischen Designs weit über IKEA hinausgehen würde. Stell dir vor, wie es wäre, wenn diese fünf Grundsätze – Form, Funktion, Qualität, Nachhaltigkeit und tiefer Preis – auch auf andere Gebiete übertragen werden könnten, z. B. Regierungen, Schulen und andere Unternehmen. Dann könnten wir alle dazu beitragen, den Alltag für die Menschen zu verbessern. Gemeinsam.»

Porträtbild von Marcus Engman

Mehr zu Democratic Design findest du in diesem Interview.

Tags: Democratic Design Democratic Design Day Democratic Design Day 2017 Marcus Engman

Inter IKEA Systems B.V. 2018