Das erstaunliche Fiasko von IKEA a.i.r

Das erstaunliche Fiasko von IKEA a.i.r

Wie sich eine grossartige Idee in ein aufgequollenes Nilpferd verwandelte.

Dies ist einer der wohl lustigsten Fehler, die IKEA je begangen hat. Und was das Ganze noch verrückter macht, ist die Tatsache, dass IKEA den Fehler sogar wiederholte. Das erste Mal in den 80er-Jahren und dann nochmals 20 Jahre später. Irgendwie konnten wir uns einfach nicht von dieser gloriosen, fantastischen, wunderschönen und komplett verrückt-wundervollen Idee trennen, Möbel aus Nichts zu schaffen.

Eine der Prämissen bei IKEA ist das Flatpack. Du hast es sicher schon gesehen und vielleicht sogar auch schon mal mit nach Hause geschleppt. Eine braune Schachtel, die so dicht gepackt und so clever konzipiert ist, dass keine Luft zwischen Lieferanten, Lagerhaus, Einrichtungshaus und Kunden transportiert wird. Eine Herausforderung für IKEA war und ist es schon immer gewesen, dass Sofas und Sessel einfach nicht ins Flatpack-Universum passten. Sie sind genauso umfangreich und sperrig wie bei den Konkurrenten von IKEA. Aaaaaargh! Stell dir also vor, jemand würde herausfinden, wie man ein Sofa in ein Flatpack packen könnte! Nun, Mitte der 80er-Jahre versuchte es der Innovator und Designer Jan Dranger. Er kam zu IKEA in Älmhult und präsentierte Ingvar Kamprad eine der wohl genialsten Ideen: mit Luft gefüllte Möbel.

Drei Luft-Hocker von IKEA.

Die Idee bestand einfach darin, aufblasbare Kunststoffelemente als Grundlage für Sitzmöbel zu verwenden. Sofas, Tagesbetten, Sessel und Hocker. Das war reinste Zauberei. Und ohne zu zögern, gibt Ingvar Kamprad noch während der Sitzung grünes Licht für diese Innovation. Packen wir es an! Machen wir Möbel aus Luft!

Bevor wir mit der Story fortfahren, möchten wir euch einen Charakterzug des IKEA Gründers vorstellen, von dem ihr vielleicht noch nicht viel gehört habt. Ingvar Kamprad ist ein Rebell. Und er ist so neugierig wie wohl kaum ein anderer. Er würde eine gute Idee niemals ablehnen, er würde Entwicklung niemals behindern. Er würde aber auch nie langfädige analytische PowerPoint-Präsentationen studieren. Wenn eine Idee gut tönt und sich gut anfühlt – dann ist er sofort Feuer und Flamme. Viele Leute, die mit neuen Entwicklungen und Trends arbeiten, haben diesen leicht anarchistischen Charakterzug. Positiv, bis ihnen das Gegenteil bewiesen wird – und selbst dann immer noch überzeugt, dass das Ganze irgendwie schon funktionieren könnte, wenn wir nur lange und hart genug darüber nachdenken und uns dafür einsetzen.

IKEA-Designer füllt den Luft-Sessel mit einem Luft-Element

Okay, also zurück zu den aufblasbaren Möbeln. Die Idee war es, ein Kunststoffelement mithilfe eines Haarföhns aufzublasen, dann das Ventil zu schliessen und so die Luft im Element einzuschliessen. Danach würde das Element mit einem Stoffbezug überzogen, damit es wie ein normales Sofa aussieht. Tönt gut, nicht wahr? Die Leute, die bei IKEA an diesem Projekt arbeiteten, waren darüber so erfreut, dass sie den Einsatz von Rohstoffen um 85 % und das Transportvolumen um 90 % senkten. Tönt gut, nicht wahr? In den IKEA Einrichtungshäusern hielt sich die Begeisterung über die neuen Luftmöbel … nun, ziemlich in Grenzen, um es mal nett auszudrücken. Die statische Aufladung des neuen Materials verwandelte die Dinger in reine Staubfänger. Und da sie fast nichts wogen, waren sie in den Einrichtungshäusern und bei den Kunden zu Hause in steter Bewegung. Jemand innerhalb von IKEA beschrieb die Kollektion sogar als eine Ansammlung aufgequollener Nilpferde. Die Ästhetik war vollkommen abhanden gekommen. Und oft auch die eigentlichen Möbel, denn es war für die Kunden sehr einfach, sie im Einrichtungshaus herumzubewegen.

Aber dies alles war nicht das grösste Problem. Es gab ein paar weitere Hindernisse. Erstens verwendeten die Kunden warme statt kalte Luft beim Aufblasen, was den Kunststoff beschädigte. Zweitens hielt das Ventil dem Druck nicht stand und wurde undicht. Was also am Montag noch ein bequemes Sofa war, hatte sich bis Freitag in ein formloses Etwas aus verstaubtem Stoff verwandelt. Und ganz ehrlich, die Möbel waren gar nicht so bequem. Und dann war da noch was – das Geräusch, wenn man sich draufsetzte. Nicht gerade einer der glamourösesten Töne!

IKEA-Designer hebt das Luftsofa mit Staubsaugen an

Damals arbeiteten wir noch nicht gemäss den fünf Grundsätzen des Demokratischen Designs: Form, Funktion, Qualität, Nachhaltigkeit und tiefer Preis. Hätten wir dies getan, hätte sich dieses Projekt wohl von Anfang an in eine andere Richtung entwickelt. Aber wir taten dies eben noch nicht. Und was zu Beginn so unwiderstehlich tönte, erwies sich dann als ziemlicher Tiefflieger. Aber die eigentliche Idee war und ist erstaunlich. Vielleicht deshalb versuchte es IKEA noch einmal. Dieses Mal wandte sich IKEA an die Kinder. Die Idee schien sich perfekt für Kinder zu eignen: leichte, sichere und verspielte Möbel! Der Kunststoff und das Ventil wurden verbessert. Und diesmal testete IKEA die Kollektion zuerst. Kinder aus der ganzen Welt wurden eingeladen, mit der gesamten Kollektion zu spielen. Die Kollektion bestand den Test, aber kaum hatte IKEA mit der Massenproduktion begonnen, traten dieselben alten Probleme auf. Die Möbel wurden undicht und die Party war vorbei.

Die zwei Bestandteile des Kinder-Sessels in Form eines Marienkäfers

Was lernen wir aus Fehlern? Nun, zuerst einmal probieren wir etwas aus, woran wir glauben. Und wir lernen, für unsere Idee einzustehen. Und dann lernen wir, mutig, neugierig und rebellisch zu sein. Vielleicht sogar wild. Klar, es sind nur Möbel – aber wäre es nicht toll, wenn jemand etwas Neues und Wundervolles herausfinden würde? Etwas wirklich Kluges und Nachhaltiges? Etwas, wie dieses «Hätte doch sein können». Werden wir wieder Fehler machen? Ja.

Tags: Democratic Design Design IKEA Produkte Nachhaltigkeit Verpackung

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