«Gegenstände sind mein Zuhause – nicht Orte»

«Gegenstände sind mein Zuhause – nicht Orte»

Vom 7. bis zum 23. April fand in Lugano die «Artificio» statt. Die Veranstaltung ist ein Schaufenster für das lokale Designschaffen. Über zwei Wochen wurden mehr als 20 Orte in der Stadt bespielt. Das Spannungsfeld umfasste künstlerische und kunsthandwerkliche Beiträge ebenso wie Werke junger Designer. Unter ihnen war der Tessiner Giulio Parini. Im Gespräch mit lifeathome erläutert er, warum er sich bei seinen Entwürfen gleichsam von Materialien, Geschichten und Menschen leiten lässt und warum Gegenstände für ihn mehr Heimat bedeuten als Orte.

Bei deinen Designs liegt der Schwerpunkt stets auf den Materialien und darauf, wie diese eingesetzt werden. Was ist die treibende Kraft hinter diesem ganz natürlichen Umgang mit natürlichen Materialien?
Jedes Material hat seine spezifischen ästhetischen, haptischen und mechanischen Eigenschaften. Es gibt unendlich viele Materialien und noch mehr Möglichkeiten, sie miteinander zu kombinieren. Dieser Reichtum an Möglichkeiten fasziniert mich. Jedes Material passt sich auf eine ganz eigene Art an eine bestimmte Funktion an. Ich stelle mir dabei stets die Aufgabe, das richtige Material zu wählen. Für mich spielt das Material somit eine Hauptrolle bei der gestalterischen Konzeption.

«Brass ensemble»: eine Leuchte als Collage aus Messing.

Was hat dich in deinem Werdegang als Designer am stärksten beeinflusst?
Während meiner Studienjahre gab es zwei wesentliche Einflüsse, die noch heute auf mich wirken: Da sind einerseits die Poetik und die Kreativität des italienischen Designs, etwa vertreten durch Enzo Mari, Achille Castiglioni oder Bruno Munari, andererseits die Rationalität und Essenzialität des Schweizer Designs, verkörpert durch traditionsreiche Firmen wie Horgenglarus oder Designer wie Kurt Thut. Ich habe das Glück, an einem Ort (dem Tessin) geboren zu sein, an dem zwei sehr unterschiedliche Kulturen im Austausch stehen. Manchen Tessinern ist die Schwierigkeit gemein, sich der einen oder der anderen Kultur zugehörig zu fühlen. Wenn man es allerdings positiv sieht, stellt genau das eine hervorragende Grundlage für eine grössere Offenheit und Empfänglichkeit gegenüber beiden Kulturen dar.

Was ist für deine Herangehensweise beim Entwurf eines neuen Objekts typisch?
Ich habe keine Herangehensweise, die für alle Projekte gültig ist. Es macht mir Spass, neue Ansätze zu finden und Möglichkeiten für die Konzeption eines Projekts zu entdecken. Für das Projekt «Neolithic» etwa verbrachte ich beispielsweise viel Zeit in den Tessiner Granitsteinbrüchen und suchte in den Produktionsabfällen der dort arbeitenden Firmen herum. Beim Entwurf von «Le Suisse» hingegen sass ich Stunden über Stunden am Computer und entwarf jede Einzelheit bis ins kleinste Detail.

Deine Inspirationsquellen scheinen allerdings weit über das Material an sich hinauszugehen.
Im Allgemeinen fühle ich mich von Menschen inspiriert, die vor mir etwas Gutes gemacht haben oder dies gerade tun. Mich inspirieren Persönlichkeiten, die intensiv arbeiten, um Ziele zu erreichen, die ihrer Vorstellungswelt entsprechen. Dabei meine ich nicht nur Design, sondern auch Musik, Architektur oder Literatur. Fabrizio de André (ein italienischer Liedermacher) ist einer der Menschen, die mich inspirieren, im Design ist es die Phantasie von Bruno Munari oder, in der Architektur, Gion A. Caminada mit seinem Konzept der Partizipation an einer lokalen Kultur.

Viele Designer kreieren etwas, das es schon gibt. Du versuchst einen eher poetischen Ansatz. Wie kommt das?
Die Gestaltung eines Objekts oder eines Möbelstücks erfolgt auf natürliche Weise. Während des gestalterischen Prozesses treffe ich diejenigen Entscheidungen, die mir am ehesten dem Zweck des Objekts zu entsprechen scheinen. Die Poesie von «Neolithic» resultiert unmittelbar aus dem Reichtum von Naturstein, und eben durch die Entscheidung, den Naturstein roh zu belassen, gewinnt das Objekt eine poetische Dimension. Ich habe das Ziel, bei jedem Entwurf sein wahres Wesen zu finden, die wesentlichen Eigenschaften, die er aufweisen muss, um ein guter Entwurf zu werden, in dem die ursprüngliche Idee in der besten Weise zum Ausdruck kommt.

ruchtschale «Neolithic»: ein Stillleben aus Stein, Ton und Früchten.

Kannst du uns etwas mehr zum Schreibtisch «Le Suisse» sagen?
Le Suisse entspringt dem Bedürfnis, dass zwei Personen auf engem Raum arbeiten sollen, ohne dabei gezwungen zu sein, dieselbe Arbeitsfläche zu nutzen. Die Lösung ist ein gemeinsamer Bereich für die Unterbringung von Utensilien zwischen den beiden Arbeitsplätzen. Ich habe dabei viel Mühe darauf verwendet, dass die einzelnen Elemente die richtige Grösse und die richtigen Proportionen im Verhältnis zueinander haben, denn ich wollte ein Möbelstück schaffen, das so kompakt wie möglich ist, ohne jedoch die Ergonomie zu beeinträchtigen, ein Möbelstück mit höchstem Gebrauchskomfort.

Der Schreibtisch «Le Suisse» ist in der Mitte zweigeteilt durch einen Schubladenschrank aus Holz.

Ein wichtiges Detail fällt möglicherweise nicht gleich auf den ersten Blick auf: Schaut man von vorn auf den Schreibtisch, sieht man, dass die Stahlbeine nicht am Ende der Arbeitsfläche angeordnet, sondern um ca. 25 cm nach innen versetzt sind. Dadurch ist der Benutzer gezwungen, sich weiter zum aus Holz bestehenden Mittelteil hin zu setzen. Diese Aufteilung des unteren Bereichs wirkt sich entsprechend auf den oberen Bereich des Schreibtischs aus. Jede Einzelarbeitsfläche wird damit auf natürliche Weise in zwei Bereiche gegliedert, einen «aktiven» Bereich (vor dem Benutzer) und einen «passiven» Bereich (am äusseren Ende der Arbeitsfläche). Dies unterstützt den Benutzer bei der Aufteilung seiner Arbeitsfläche.

Der Schreibtisch «Le Suisse» ist in der Mitte zweigeteilt durch einen Schubladenschrank aus Holz.

Was macht für dich ein Zuhause zu einem wahren Zuhause und zu einem Ort, an dem man sich zurückziehen kann?
Licht. Licht hat eine erstrangige Bedeutung für einen Innenraum. Ein an der richtigen Stelle platzierter Tisch unter einem Leuchter ist ausreichend für einen perfekten Ort, an dem man Zeit in Gesellschaft verbringen kann. Licht definiert die Bereiche und Volumen eines Raums. Komplementär dazu haben Schattenbereiche dieselbe Funktion, in etwa so wie bei der Fotografie die Komposition eines Bilds gewählt wird, indem Licht- und Schattenbereiche, Hell und Dunkel mehr oder weniger betont werden. Einen Innenraum können wir gestalten, indem wir das richtige Gleichgewicht zwischen Hell und Dunkel finden.

Siehst du als Vertreter der Generation Y das Zuhause ebenso konventionell wie ältere Generationen? Oder ist Zuhause für dich eher ein Gefühl ohne Bezug zu Materialien oder Möbeln?
Ich würde eher sagen, dass Zuhause für mich mehr der Bezug zu bestimmten Gegenständen als ein spezieller Ort ist. Ich habe einige Gegenstände wie Bücher oder Stoffe, die die Fähigkeit besitzen, mich an einem beliebigen Ort zuhause fühlen zu lassen. Ich bin stets viel gereist, als Kind zusammen mit meinen Eltern und später allein. Inzwischen bin ich seit zwölf Jahren von meinem Geburtsort fortgezogen und habe in dieser Zeit nicht länger als drei Jahre an einem Ort gelebt. Einige Gegenstände sind besonders wichtig geworden, wie eine Art Reisegefährten oder mein wahres Zuhause. Ich glaube, dass Gegenstände eine besondere Energie besitzen können.

An welchen Projekten arbeitest du zurzeit? Gibt es Neuigkeiten, von denen du uns berichten kannst?
Vor einigen Tagen habe ich ein Projekt mit Glas zu Ende gebracht. Das Projekt wurde von der Ikea Stiftung Schweiz gefördert, die mir die Möglichkeit gegeben hat, ein ungewöhnliches handwerkliches Bearbeitungsverfahren direkt am Material zu testen. Das ist ein echter Luxus: Das Testen am Material ist vor allem aus Zeit- und Kostengründen ein seltener Fall.

Derzeit beschäftige ich mich mit dem Projekt «Ritualis» für eine Tischlampe und einen Kerzenhalter aus superfeinen, einen Zehntelmillimeter starken Metallfolien. Es handelt sich um ein unglaublich flexibles Material, mit dem sich Formen gestalten lassen, die mit anderen Materialien nur schwer erzielbar sind. Das Material vereint die Leichtigkeit und die ästhetischen Eigenschaften von Papier mit der Festigkeit und Haltbarkeit von Metall. Im September präsentiere ich die Marke «Metallo dolce», unter der zunächst zwei Kollektionen Tischlampen und eine Kollektion Kerzenhalter entworfen und vertrieben werden sollen.

© by Giulio Parini
Tags: Artificio Lugano Giulio Parini

Inter IKEA Systems B.V. 2018