Zwischen Tradition und Zeitgeist

Zwischen Tradition und Zeitgeist

Die Flechterei schlägt eine Brücke zwischen jahrhundertealtem Handwerk und modernem Design. Nach langer Tradition gefertigte Wohnobjekte wie Körbe oder Stühle harmonieren sehr gut mit aktuellen Einrichtungsstilen – und schaffen spannende Kontraste zu Metall, Beton und modernen Farben. In der Nähe von Biel haben wir eine professionelle Korbflechterin getroffen und mit ihr über ihre Herausforderungen und Ansprüche gesprochen.

Verschiedene geflochtene Weidenkörbe hängen von der Decke.

In den Regalen gesellen sich schlichte Flechtkörbe zu ausgefallenen Dekorationen aus Weiden und Rattan, im hinteren Bereich stapeln sich Büschel von Zweigen neben einem Stuhl, dessen Sitzfläche gerade erneuert wird. Dies ist das «JoKo Design Kunstflechtatelier» in Safnern bei Biel, welches Jolanda Kohler seit zwölf Jahren führt – als Flechterin tätig ist sie jedoch bereits seit über 28 Jahren. 

Verschiedene Handwerkzeuge sind auf einem Holzuntergrund nebeneinander angeordnet.

Bald nach der Ausbildung zur Korbflechterin machte sie sich selbstständig und stellt seither aus verschiedenen Naturmaterialien Flechtwaren her. «Nebst Peddigrohr, Rattan und Weiden verwende ich viel Holz, aber auch Dinge, die andere Leute wegwerfen, wie Kunststoffbänder oder alte Veloschläuche. Man kann aus so vielem etwas Einzigartiges kreieren», erzählt Kohler. Ein grosser Teil ihrer Arbeit besteht aus dem Experimentieren mit Materialien und Formen. Die unterschiedlichen Rohstoffe besitzen Eigenschaften, die sich erst beim Flechten zeigen. Kurz: Nicht jeder Zweig eignet sich für jeden Entwurf. So kann es passieren, dass man mitten im Flechten umdenken oder von vorne beginnen muss. «Auch das ist ein wichtiger Teil des kreativen Prozesses – so lernt man, mit verschiedenen Materialien umzugehen.»

Eine Nahaufnahme von Händen beim Flechten von Weiden.

Jolanda Kohler bohrt mit einer Maschine Löcher in Holzplatten.

Von Möbeln bis zum Weidenzaun
Den Anfang machen immer ein handgezeichneter Entwurf und die Suche nach Inspiration, für Jolanda Kohler einer der schönsten Teile ihrer Arbeit. Insbesondere für Eigenkreationen ist dieser essentiell. Jede Person entwickelt beim Flechten einen eigenen Stil, was für Kohler enorm spannend ist: «Viel Künstlerisches dieser Arbeit liegt in solchen persönlichen Projekten, mit denen man einen Teil von sich selbst offenbart. Deshalb flechte ich besonders gerne eigene Stücke.»

Ein geflochtener Gartenstuhl aus Rattan in der Werkstatt von Jolanda Kohler.

Die Korbflechterin nimmt auch Aufträge entgegen. Für viele Kunden repariert sie alte Möbel oder fertigt auf Wunsch komplett neue Stücke an. Dabei nimmt sie sich gerne auch spezifischen Vorstellungen an und kreiert Möbelstücke, welche ideal zur Innenausstattung ihrer Kunden passen. «Ich flechte alles, was man sich vorstellen kann: von Möbeln und Gebrauchsgegenständen über Dekoration bis hin zu Weidenzäunen. Einmal habe ich sogar ein ganzes Bettgestell kreiert», erzählt sie. In privaten Kursen gibt die Kunsthandwerkerin ihr Können weiter. Dort erleben viele Teilnehmer zum ersten Mal, wie kräftezehrend die Arbeit mit den harten Flechtmaterialien sein kann. «Daran müssen sich die Hände zuerst gewöhnen», so Jolanda Kohler.

Der Charme von Naturmaterialien
Geflochtene Einrichtungsobjekte bringen eine ganz eigene Ästhetik ins Zuhause. «Sie erfüllen einen Raum mit angenehmer Wärme und Ruhe, wie es kaum ein anderer Gegenstand kann. Weil die Korbflechterei eine sehr alte Industrie ist, verbindet man Geflochtenes oft mit einer früheren Epoche, der guten alten Zeit», erklärt die Künstlerin. Trotzdem wünscht sie sich, dass Konsumenten sich in Zukunft stärker mit den Vorzügen und der aufwendigen Herstellung von Flechtwaren auseinandersetzen. «Damit Korbflechterinnen wie ich auch künftig handgefertigte Qualitätsware anbieten können, braucht es ein stärkeres Bewusstsein für unser Gewerbe.» 

Weidenäste in einem Glas mit Wasser auf einem Fenstersims. Die Sonne flutet den Raum mit Licht.

Ein Weidenkorb, der noch nicht fertig geflochten wurde. Die einzelnen, noch geraden Äste stehen ab.

Die gesellschaftliche Nachfrage nach geflochtenen Objekten ist im Vergleich zu früher gesunken. Jolanda Kohler beobachtet jedoch einen Gegentrend: «Gerade umweltbewusste Konsumenten wissen, dass handgefertigte Flechtwaren einige Vorteile haben. Ein Weidenkorb zum Beispiel ist robuster als ein Korb aus Plastik, und Naturmaterialien sind biologisch abbaubar.» Bevor es soweit ist, begleiten geflochtene Stücke ihren Besitzer auch dank Kohlers Restauration oft viele Jahre.

© Jean-Marc Avila
Tags: Einrichtung Flechten Handwerk interview Naturmaterialien

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