«Jeder Teppich ist ein Stück ihrer Lebenszeit»

«Jeder Teppich ist ein Stück ihrer Lebenszeit»

Die Berner Textildesignerin Salomé Bäumlin lässt in Marokko von Berberfrauen Teppiche weben. Die Gründerin des Teppichlabels AIT SELMA richtet sich in der Gestaltung nach den Möglichkeiten der Knüpferinnen und ihren Produktionsbedingungen. Zusammen mit lokal und tiergerecht hergestellten Materialien schuf Salomé Bäumlin ein Label, das für den Einklang von Mensch, Natur und Kultur steht.

 

Unter Deinem Label «AIT SELMA» vertreibst handgewobene und geknüpfte Teppiche aus Marokko. Was führte eine Künstlerin und Textil Designerin zu dieser Entscheidung?

Die Entscheidung, mich nicht ausschliesslich mit Kunst auseinanderzusetzen, hatte zum einen ökonomische Gründe. Andererseits leitete mich ein Gefühl der sozialen Mitverantwortung, um mit Frauen aus einer wirtschaftlich schwachen Region zusammenzuarbeiten. Mit AIT SELMA konnte ich auch meine verschiedenen Kompetenzen vereinen. Die ersten Teppiche entstanden im Kontext einer Kunstarbeit während meines Studiums an der Hochschule in Luzern. Diese Aufbauarbeit wollte ich nicht zugunsten meiner sonst sehr heterogenen Kunst opfern. Und entschied mich noch während des Masters für diesen Schritt. Mein eigenes Label aufzubauen, entsprang auch meinem starken Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Für die Freiheit meiner Kreationen und Gedanken bin ich stets bereit, auf Sicherheiten zu verzichten. In einer rein ausführenden Position, ohne Möglichkeit, konzeptionell oder strategisch mitzuarbeiten, würde ich mich langfristig nicht wohlfühlen.

Ein Teppich mit Schachbrettmuster und gelben Bordüren liegt auf einem Weg entlang eines Lehmhauses.

Südmarokkanische Berberfrauen weben Deine Entwürfe, Du setzt Dich stark für eine in allen Belangen nachhaltige Produktion ein. Woher rührt Dein Engagement für den Stamm der Berber, deren Umwelt und Traditionen?

Bevor ich das Teppichlabel gründete, setzte ich mich lange mit der Frage auseinander, was es heute braucht, um ökologischen, ökonomischen und kulturellen Gesichtspunkten gerecht zu werden. Die Antwort führte mich zu den sieben Merkmalen der Zen-Kunst. Diese umfassen zum Beispiel die Ästhetik, die Wahl der Materialien, die Organisation der Zusammenarbeit und berücksichtigen alle mir wichtigen Aspekte des Designprozesses. Nebst diesem philosophischen Zugang hatte ich ebenfalls nach einem Ort gesucht, an dem Teppiche unter ebendiesen Bedingungen produziert werden. Meine Wahl fiel schliesslich auf Marokko. Das Land liegt der Schweiz nahe, die Wolle wird lokal und tiergerecht hergestellt und die Teppichproduktion ist kulturell verankert. Mein Glück war auch, in Marokko die Gegebenheiten zu finden, um alle Merkmale des Zen umzusetzten. Denn Marokko als Schmelztiegel der arabischen und europäischen Kultur geht dort mit den Traditionen der Berber einher – dieses ganz eigene Kulturklima drückt sich in der Vielfalt der Textilien aus. Diese «Schatzkiste» wiederum offenbart sich mir nur, wenn ich mich in den Beziehungen auf die Berberinnen einlasse. Der Arbeitsort ist immer ihr zuhause, jeder Teppich ist ein Stück ihrer Lebenszeit. Deshalb ist mir die gleichberechtigte Zusammenarbeit und überhaupt das Interesse am Gegenüber und seiner Umwelt als Schlüssel zu einer umfassenden Produktionsphilosophie so wichtig.

Eine Berberin mit rotem Kopftuch sitzt vor ihrem Webstuhl.

Als Du vor zwei Jahren Dein Label gründetest, riet man Dir ab, in Marokko zu produzieren – zu gross der Aufwand, zu gering die Sicherheit, jene Designs zu erhalten, die Du möchtest. Was hat Dich überzeugt, das Richtige zu tun?

Nebst persönlichen Gründen waren es unternehmerische Überlegungen, die mich überzeugten. Marokko ist eines der politisch und wirtschaftlich stabilsten Teppich-produzierenden Länder. Und unternehmerisches Risiko kann immer auch als Chance gedeutet werden. Als kleines Start-Up bin ich viel beweglicher und kann mein Geschäft auf jene Gebiete ausrichten, in denen es für andere zu umständlich ist. Bei allen Schwierigkeiten, die die Produktion in Marokko mit sich bringt: Es sind immer wieder die stillen, unscheinbaren Momente mit den Frauen vor Ort, die mich am meisten motivieren. In der Schweiz habe ich schnell gespürt, dass die Geschichte von AIT SELMA Interesse weckt und ich dabei nichts erfinden muss, weil wir alle sie leben.

Die Textildesignerin Salomé Bäumlin

In einem anderen Kulturkreis zu produzieren heisst auch, interkulturelle Unterschiede zu überwinden. Wie schaffst Du diesen Brückenschlag?

Bereits während eines Atelierstipendiums in Kairo hatte ich bemerkt, dass sich über das Handwerk kulturelle Unterschiede überwinden oder gar beiseite legen lassen. Das Handwerk bietet ein gemeinsames Ziel, eine geteilte Passion. Und im besten Fall können beide Seiten voneinander lernen. Der Brückenschlag fordert alle Parteien heraus, er verlangt viel Geduld, Anpassungsfähigkeit und klare Grenzen. Doch mit der Zeit akzeptierte ich, dass Manches genauso unerklärt bleibt. Am meisten hilft mir, in diesen Prozessen möglichst viele Optionen offen zu lassen, als Mensch beweglich zu bleiben und die Unberechenbarkeit als Prinzip zu verinnerlichen.

Berberfrauen beim Vorbereiten der Kette.

Du reist oft nach Marokko und machst dabei auch jeweils eine Zeitreise, weil die Menschen vor Ort ein intensiveres Verhältnis zu ihrer Umwelt haben, als wir es hier kennen. Was erklärt Deine Faszination für deren Lebensstil?

Es ist die Reduktion auf das Wesentliche, die mich am meisten fasziniert: Zu sehen, wie wenig Konsumgüter und Luxus wir als Menschen brauchen, wenn es uns gelingt, das ganz Alltägliche zu geniessen und zu loben. Und ihre gelebte Gemeinschaft und Solidarität sind Ausdruck eines Lebensstils, der mich tief berührt.

Deine Teppiche sind eine Hommage an die Handwerkskunst und kulturellen Bedingungen im Atlas-Gebirge. Sie erzählen von lokalen Geschichten und Deiner Sicht auf ebendiese. Wie entwirfst Du die Teppiche und inwiefern musst Du dabei Spielraum für handwerkliche Abweichungen einplanen?

Meine Entwürfe entstehen meist von Hand, am Computer oder fotografisch. Für die Designkollektionen lasse ich mich von der Natur und der Tradition inspirieren. Eigentlich kann – oder muss – man nichts Neues schaffen. Oftmals genügt es zu reduzieren, das Wesentliche herauszuarbeiten.
Nach den ersten Prototypen in Marokko begann ich, mir eine Sammlung marokkanischer Teppichmotive und Techniken anzulegen. Sie dient mir heute als Fundus und Inspirationsquelle. Gleichzeitig ist sie ein wichtiges Instrument für die Arbeit mit den Berberfrauen. Denn oftmals ist es für sie schwierig, Zeichnungen oder Pläne umzusetzen. Bilder kennen sie als Teppiche; geknüpft und gewoben. So ist es hilfreich für sie zu sehen, wenn wir anhand dieser gesammelten Motive besprechen, wie etwas umgesetzt werden kann.
Und schliesslich entwerfe ich die Designkollektionen absichtlich so, dass kleine Abweichungen in der Umsetzung keinen entscheidenden Einfluss auf den Gesamteindruck haben. Mein Vorteil ist, dass ich alle der rund 30 Frauen kenne, die für AIT SELMA arbeiten. Mit der Zeit wusste ich um die gestalterischen und technischen Vorzüge jeder Frau und kann nun abschätzen, welcher ich welchen Auftrag gebe. Ich sehe die Zusammenarbeit als einen Prozess: So wie sich meine Kenntnisse erweitern und verbessern, eigenen sich auch die Frauen in Marokko neue Kompetenzen an.

Detail eines schwarz-weissen Teppichs während der Produktion im Webrahmen.

Du verkaufst die Teppiche auch über Deine Webseite und in Deinem Berner Atelier. An welchen Veranstaltungen planst Du 2017 teilzunehmen damit Interessierte die Teppiche und ihren Detailreichtum «live» sehen können?

Am 14. Januar 2017 nehme ich an einem Ausstellungsgespräch und der Präsentation einiger Teppiche im Museum Bellerive teil, anlässlich der Ausstellung Couleurs Désert – Teppichkunst aus Marokko. Im März werde ich Tapisserien in der Galerie «Da Mihi» in Bern ausstellen. Wer nach Agadir in Marokko reist, kann ab dem 20. März 2017 im «Musée du Patrimonien Amazigh/Berbère» Teppiche von AIT SELMA entdecken und einiges über die Handwerkskunst der Berber sehen.
Zum 10-Jahr Jubiläum von Sihlcity in Zürich wird AIT SELMA am Wochenende vom 4. bis 6. Mai 2017 ein Live Atelier vor Ort einrichten und die Produkte vom 18. – 20. Mai am selben Ort am Streetmarket verkaufen. Und im August werde ich zusammen mit der Modedesignerin Debora Rentsch im Botanischen Garten in Bern ausstellen und im Herbst voraussichtlich wieder an den Messen Designgut in Winterthur und Blickfang in Zürich.


Schon heute sehen und kaufen? AIT SELMA verkauf zur Zeit im Concept Store „Stories“ in Zürich Teppiche: http://stories-shop.ch/.
Eine Übersicht erhältlicher Teppiche findet sich auch auf Ihrer Webseite: www.aitselma.com/aktuell

 

Tags: Ait Selma Berberfrauen Marokkanische Teppiche Salome Bäumlin

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