Drei Fragen an Mathias Worbin

Drei Fragen an Mathias Worbin

Am Rande des Democratic Design Day wollten wir von Mathias Worbin, Creative Leader im Team von IKEA-Chefdesigner Marcus Engman, wissen, was es heisst, am Hauptsitz als Designer zu arbeiten.

Raphael Rossel: Wenn bei IKEA von Produkt-Gestaltung gersprochen wird, meint man Konzept, nachhaltige Materialisierung, Form und Funktionalität. Aber in erster Linie diktiert der tiefe Preis das Produkt und seine Produktionsart. Bleibt dem Designer nur die Gestaltung der schönen Form, der Rest machen die Produktmanager?
Mathias Worbin: Es ist die Wertschöpfungskette, die den Unterschied macht. Wir beginnen die Entwicklung von Produkten auf der Basis von verschiedenen Erkenntnissen, Faktoren und Zielsetzungen. Natürlich halten wir daran fest, jeden Entwurf zu bezahlbaren Preisen umsetzen zu können, das ist schliesslich die DNA unseres Erfolges. Und genau darin liegt auch die Herausforderung: Als Designer oder Produktentwickler gestalte ich bei IKEA von Anfang an auch in der Haltung eines Produzenten. Wer bei uns gestaltet, muss viel Produktions-Know-how mitbringen, muss genau wissen, wie Materialien verarbeitet werden, wie die Einzelteile zueinander gefügt werden – und muss vor allem auch wissen, wie die Dinge einfacher und besser gemacht werden können. Das ist der Grund, warum die Designerinnen und Designer viel unterwegs sind, Lieferanten, Produzenten und Werkstätten besuchen und dieses Wissen paaren mit den Ideen zu neuen Produkten. Insofern gestalten wir sämtliche Ebenen einer Wertschöpfungskette: Von der Idee bis zum finalen Produkt, von der Herstellung bis zur Logistik entwerfen wir alle Etappen des Prozesses – und des Produktes.

Blickt man 20 oder 30 Jahre zurück, war IKEA Synonym für kopiertes Design und Produkte, die der Kunde billig kaufen kann. An der Jahresmedienkonferenz Democratic Design Day wurde der dritte «Life at Home Report» präsentiert, eine breit angelegte Analyse über Wohn- und Lebenssituationen von Menschen überall auf dieser Welt. Ist das ein Klimawandel, denn es scheint, als stünde nebst dem Preis nun auch der gläserne Kunde im Zentrum der Arbeit eines Designers?
IKEA hat sich von Anfang an am Kunden ausgerichtet, der Preis war immer einer der Orientierungspunkte – aber einer unter vielen. Doch die Perspektiven, durch die wir den Kunden sehen, haben sich über die Jahre vervielfältigt. Ingvar Kamprad’s Vision war, schöne Möbel und Einrichtungsgegenstände zu einem tiefen Preis herzustellen, damit sie sich alle leisten können. Der Kern dieser Zielsetzung ist unverändert, aber die Betrachtungswinkel wurden erweitert: Heute wollen wir den vielen Menschen einen besseren Alltag bieten, nicht nur mit Möbeln, sondern indem wir ihnen Lösungen vorschlagen, die ihnen das Leben zuhause vereinfachen. Und der Schlüssel dazu ist Erkenntnis. Deshalb besuchen Mitarbeiter der Design- und Entwicklungsabteilung jährlich sehr viele Menschen in ihren Wohnungen, um herauszufinden, welche Lösungen wir anbieten können, damit ihr Alltag zuhause besser und einfacher wird. Eben erst erschien der dritte «Life at Home Report», insofern verdeutlicht dieser unser wachsendes Bestreben, die Lebensgewohnheiten der unterschiedlichen Kundengruppen noch besser zu verstehen und dieses Wissen mit allen zu teilen.

Mathias Worbin im Gespräch mit Raphael Rossel

Ihr veranstaltete am Vortag des Democratic Design Days einen Workshop mit Designer/-innen, die zur Zeit für IKEA arbeiten. Was bezweckt Ihr mit dem kollaborativen Entwerfen?
Die Auseinandersetzung mit Fragen zur Zukunft des Wohnens kennt bei IKEA verschiedene Wege und eine lange Tradition. Zur DNA von IKEA gehört seit jeher Teamwork. Einer der Schlüssel zu ausgereiften Produkten ist die Zusammenarbeit, die wir in den Teams und im Austausch miteinander hier in Älmhult oder vor Ort in den Produktionsstätten pflegen. Denn nur im konstanten Dialog zwischen Designern und Entwicklern oder Herstellern und dessen Handwerkern lassen sich Produkte umsetzen, die allen fünf Kriterien des Demokratischen Designs entsprechen. Seit letztem Jahr gewähren wir deshalb auch Einblicke in die Entwicklungsprozesse: diesen Anspruch zu teilen untermauern wir auf unserem Blog ikea.today. Dort publizieren wir konkrete Ideen und Skizzen – lange bevor es die Produkte schliesslich in den Filialen zu kaufen gibt.

© Inter IKEA Systems B.V.
Tags: Democratic Design Democratic Design Days IKEA IKEA-Designer Lifeathome-Report Mathias Worbin

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