Die Besten 2017: Projekt im Übergangszentrum Zürich-Oerlikon für Designpreis nominiert

Die Besten 2017: Projekt im Übergangszentrum Zürich-Oerlikon für Designpreis nominiert

«Was kann ein Designer heute und jetzt tun, um innert kürzester Zeit und mit minimalen Mitteln ein konkretes Problem in einem Durchgangsheim für Asylsuchende zu lösen?» Mit dieser Frage konfrontierten die Dozierende Karin Seiler, der Designer und Architekt Antonio Scarponi und der Innenarchitekt Martin Bölsterli die Studierenden eines interdisziplinären Workshops an der ZHdK. Ihr Unterrichtsmodul «Hic et Nunc – Hier und Jetzt», welches im Frühjahr in Kooperation mit der Zürcher Fachorganisation AOZ in der Messehalle 9 in Oerlikon bereits zum zweiten Mal durchgeführt wurde, ist nun vom Hochparterre in der Kategorie «Design» für den Wettbewerb «Die Besten 2017» nominiert. Die Preisverleihung findet am 5. Dezember im Museum für Gestaltung Zürich statt.

Das Durchgangsheim in Zürich-Oerlikon im Norden von Zürichs Stadtzentrum, das Anfang 2016 eröffnet wurde, bildet den Rahmen für den Workshop. Um dem Mangel an Wohnraum zu begegnen, wiesen die Behörden der Messehalle 9 einen neuen Zweck zu und bauten darin 62 kleine Wohneinheiten aus leichtem Holz, von denen jede einzelne Platz für vier Personen bietet. Die Menschen, die in dieser Halle leben, sind Asylsuchende, junge Männer und Familien. Die meisten kommen aus Eritrea, Afghanistan und Syrien. Im Studienjahr 2016-2017 führten Karin Seiler, Antonio Scarponi und Martin Bölsterli in Zusammenarbeit mit der AOZ (Asyl-Organisation Zürich) drei Workshops durch. Das Ziel bestand darin, den Prototyp eines Bildungsmodells zu erstellen, das verschiedene Design-Disziplinen in einen neuen Kontext stellt, womit auch die Kompetenz der Studierenden, mit einer humanitären Krise umzugehen, gefordert und geprüft werden sollte.

Die Teilnehmenden am Workshop waren junge Studierende der Bachelor-Lehrgänge verschiedener akademischer Richtungen, von Produkt- und Modedesign bis wissenschaftliche Illustration. In der ersten Woche mussten die Studierenden das Problem definieren und beschreiben, das sie lösen sollten. Die zweite Woche war der Entwicklung von Ideen gewidmet. Und in der dritten begannen die Studierenden dann, ihr Endprodukt zu erstellen. Die Bewohner des Durchgangsheims wurden in die gesamte Designphase miteinbezogen. Eine weitere Aufgabe der Studierenden im gesamten Prozess bestand darin, das knappe Startbudget von CHF 200 je Gruppe durch die Gewinnung von Sponsoren aufzustocken. Ein von Jennifer Duyne Barenstein (ETH Wohnforum) initiiertes partizipatives Modell bezog beim Projektstart die Bewohner des Durchgangsheims und dessen Mitarbeitenden mit ein, was die Interaktion mit den Studierenden erleichterte.

Gemäss Thomas Schmutz, Kommunikationsleiter der AOZ, einer öffentlich-rechtlichen, unabhängigen Institution der Stadt Zürich, ist die Wohnausgangslage eine «Ausnahmesituation». Normalerweise werden Asylsuchende in der Stadt Zürich in Wohnungen untergebracht, die von der AOZ oder den Asylsuchenden selbst gemietet werden. «In den letzten drei Jahren hat etwa die Hälfte der Asylsuchenden in der Schweiz einen Schutzstatus erhalten, also eine provisorische oder formelle Anerkennung als Flüchtling», sagt Schmutz.

Dank diesem Projekt wurde dem Bau eines «Frauen-Zimmers» Priorität eingeräumt, ein Raum, der nur von Frauen genutzt werden darf und ihnen ein gewisses Mass an Privatsphäre bietet, wo sie sich zurückziehen oder ihren Freizeitaktivitäten nachgehen können. Mit der technischen Unterstützung von IKEA und Doka wurde eine leerstehende Wohneinheit für diesen besonderen Zweck umgebaut. Das «Frauen-Zimmer» ermöglichte auch den Bau eines Prototyps einer «Veranda», die aus einem halbtransparenten Vorhang und einer Bank besteht, in der auch Schuhe aufbewahrt werden können. Eine solche Veranda soll vor jedem Eingang einer Wohneinheit errichtet werden.

Frauenzimmer: Blick in das Frauenzimmer. Ein weiss ausgekleideter, fensterloser Raum mit Kissen am Boden, hell erleuchtet dank einer Deckenleuchte.

Veranda: Draussen vor dem hölzernen Pavillon weht ein Vorhang, der einen kleinen Bereich als Vorplatz markiert.

Dank dieser Erfahrung sollen die Studierenden ihr Wissen in verschiedenen Bereichen erweitern und vertiefen können. Das Besondere an diesem Workshop ist das Arbeiten in einem so ungewohnten Kontext, was die Studierenden dazu bringen soll, ihre Komfortzonen zu verlassen. Die Arbeitshypothese der Workshop-Organisatoren besteht darin, den Studierenden die Möglichkeit zu geben, praktische Erfahrungen auf einem Gebiet zu sammeln, das zu Beginn schwierig scheint, jedoch wertvolle Ergebnisse hervorbringen kann.

Antonio Scarponi meint dazu, dass er überrascht war, mit welcher Energie sich die Studierenden ans Werk machten und wie entschlossen sie waren, etwas wirklich Konkretes zu schaffen. Mitarbeitende des AOZ begleiteten die Interaktion zwischen Studierenden und Bewohnern. Sie ermöglichten die Verständigung über die Sprach- und Kulturgrenzen hinweg und stellten sicher, dass der Workshop sowohl für die Studierenden als auch für die Bewohner des Durchgangsheims zu einer gewinnbringenden Erfahrung werden konnte.

Tags: Antonio Scarponi Hic et nunc Karin Seiler Martin Bölsterli ZHdK

Inter IKEA Systems B.V. 2018