TABULARASIA –<br /> erste Etappe

TABULARASIA –
erste Etappe

Die Architektin Katia Ritz und der Designer Florian Hauswirth sind ein Paar, teilen sich in Biel das Atelier und brachen im August mit ihrem dreijähigen Sohn aus dem Berufsalltag zu einer mehrmonatigen Reise nach Asien auf. Ihr Ziel: Bekanntes und Alltägliches infrage zu stellen indem sie in fernöstliche Lebens- und Wohnkulturen eintauchen und zwischen ländlicher Abgeschiedenheit mongolischer Dörfer und der baulichen Dichte von Megacities wie Tokio oder Hongkong neue Impulse für ihre Arbeit suchen.

Ihr Projekt «Tabularasia» wird mit einem Reisestipendium des Kanton Bern unterstützt und mündet nach ihrer Rückkehr in einer Ausstellung und Publikation der Impressionen und Arbeiten.

Für den Blog «life at home» gingen sie der Frage nach, wie Menschen in der Mongolei, in China und in Japan wohnen und dokumentierten ihr Eindrücke in einer dreiteiligen Reportage.

Teil 1: Mongolei

In der Mongolei lebt ein grosser Teil der Bevölkerung in Jurten. Nicht immer liegen diese so schön in der Natur wie jene auf dem Bild: Oft entwickeln sich Jurten-Siedlungen an Stadtgrenzen und später zu Slums. Auf dem Land leben die nomadischen Bauernfamilien eng mit ihren Tieren zusammen. Das Yak links im Bild hat in der Nacht grunzartige Laute von sich gegeben. Manchmal heulten auch die Wachhunde auf. Da weiss man, dass Wölfe in der Nähe sind. Jurten sind temporäre und beheizbare Behausungen, akkustisch aber fühlt man sich inmitten des umliegenden Geschehens.

Blick in die Küche.

Bei dieser Familie nah bei einem wunderschönen See blieben wir mehrere Tage und bekamen so etwas mehr vom Leben und den Besonderheiten ihres Alltages mit. Die Jurte ist ein ausgesprochener «Allzweckraum». Wenn man genau hinschaut, sieht man ein grosses Stück Trockenfleisch am Bein des Sofas befestigt. Links daneben – im Bereich der Küche – ist Yak-Sahne im blauen Kessel und unter dem Bett lagert Butter aus Yak-Milch. Diese Butter wird auch uns Besucher angeboten, zusammen mit einem Milchtee, der nicht viel Geschmack hat, aber sättigt. Da er etwas salzig schmeckt, können auch trockene Speisen darin getunkt werden. Wenn man «Glück» hat, bekommt man sogar saure Stutenmilch angeboten – sie ist sehr gewöhnungsbedürftig.

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Unter dem Altar befindet sich ein Tresor in dem Wodka, der meist aus Yak-Milch hergestellt wird, aufbewahrt ist. Dieser Wodka wird warm getrunken – und hilft auch dann, wenn einem das Wasser aus dem Bach nicht bekommt.

In der Nacht wird aus dem Allzweckraum ein Schlafplatz mit drei Betten. Darin nächtigen bis zu sechs Mongolen. Strom für das Licht spendet die Autobatterie (vor dem Altar). Sie wird durch Sonnen- oder Windenergie aufgeladen.

Die Beziehung zu den Tieren ist sehr unmittelbar. Bauern schlachten ihre Tiere selber, zum grossen Teil geschieht dies auch im «Allzweckraum». Die Gastgeberin zeigte uns eine Schnur an der Decke der Jurte. Sie war aus verschiedensten Tierhaaren gesponnen. Sie alle stammten von den Tieren, die sie geschlachtet oder verkauft hatten – egal ob Schaf, Yak oder Ziege. So bleiben die Tiere immer Teil der Familie.

Als Tourist und natürlich als Gast wird man speziell behandelt. Man bekommt zum «Milchtee-Apéro» zuerst einmal einen gekochten Ziegenkopf. Wir besuchten auch eine Familie, bei der wir die Schlachtung eines Schafes miterleben durften, welches für unser Willkommens-Essen bestimmt war. Beeindruckend war nicht nur die Schlachtung sondern die gekonnten Handgriffe mit dem Messer. 

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Der Wohnraum ist zugleich auch eine Telefonkabine (siehe oben links im Bild).

Jurte im Abbau

Eine Jurte bei einer anderen von uns besuchten Familie kurz vor dem Abbau.

Bei dieser Familie erlebten wir einen Teil-Umzug. Denn nach der Sommerpause zieht die Oma mit den schulpflichtigen Kindern wieder in die kleine Stadt. Auf einem Lieferwagen wird der gesamte Haushalt verladen: Betten, dahinter der Waschtrog, in der Mitte der rostige Holzkochherd und vorne links sogar eine Waschmaschine. Das hölzige, rund aufgestellte Scherengitter, dient als Grundstruktur der Wand, die, entsprechend der Saison, mit mehreren Lagen Stoff und gefilzter Wolle behängt wird.

Das Haus rechts im Bild ist leer. Es gehört einer Familie, die sich entschieden hat, ihr Glück in der Grossstadt Ulan Bator zu suchen und deshalb umgezogen ist. Um das Grundstück zieht sich ein Bretterzaun – ein totaler Kontrast zum Leben in der weitläufigen Steppe.

Im zweiten Teil der Reportage berichtet Florian Hauswirth aus Peking, der Blog-Beitrag erscheint am 15. November.

Florian Hauswirth

Das Handwerk und die Auseinandersetzung mit dem Material und seinen konstruktiven Möglichkeiten zeichnen seine Arbeiten aus. Vor der Weiterbildung zum Industriedesigner arbeitete der Bieler Florian Hauswirth als technischer Modellbauer für Vitra. Seit einigen Jahren betreibt er ein eigenes Designstudio und arbeitet für Kunden wie „Stattmann Neue Möbel“, „Tossa“ oder den Teppichhersteller „Nodus“. Zusammen mit seiner Partnerin, der Architektin Katia Ritz und Sohn Flynn, tourt er mit einem Reisestipendium des Kantons Bern zur Zeit durch Asien. Für den Blog life at home berichtet er über’s Wohnen und andere Gewohnheiten.

© by Florian Hauswirth
Tags: Florian Hauswirth Japan Katia Ritz Mongolei Peking Shanghai Tabularasia Tokyo Wohnen in China

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